Werte beschreiben, was Ihnen wichtig ist und was Ihrem Leben Sinn gibt. Sie können sich über die Zeit verändern. Denn Werte sind keine stabilen und alle Zeit überdauernden Eigenschaften unserer Persönlichkeit. Insbesondere, wenn sich die äußeren Bedingungen verändern, verändern sich oft auch die eigenen Werte, oder die Hierarchie der Werte.

Suchen Sie sich eine neue Brille!

Werte beeinflussen Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Verhalten. Wer die eigenen Werte entdeckt, versteht sich selbst besser. Und: Werte sind Bewertungen der Wirklichkeit und sie filtern unsere Wahrnehmung. Die Arbeit an und mit den eigenen Werten ist deshalb eine wirkungsvolle Coaching-Methode, um Verhalten zu verändern. Wenn Sie verstehen, mit welcher Brille Sie die Welt betrachten, dann haben Sie auch die Möglichkeit, sich eine andere Brille zu suchen, wenn das sinnvoll ist. Eine Möglichkeit dafür ist das Wertequadrat, das Schulz von Thun entwickelt hat.

Werte in Balance

Jeder Wert hat immer einen Gegenwert. Wie ein Gewicht auf einer Waage beeinflussen sich diese beiden Werte gegenseitig. Das zeigt das folgende Beispiel: Robert ist es wichtig, dass alles genau geplant und gut vorbereitet ist. Er möchte das Leben im Griff haben und sicherstellen, dass es ihm und seiner Familie gut geht. Der Wert Sicherheit steht für ihn an oberster Stelle. Clara ist es wichtig, mobil und unabhängig zu sein. Am liebsten würde sie in einem Wohnwagen wohnen, um mit ihrer Familie durch die Welt zu reisen. Der Wert Freiheit steht für sie an oberster Stelle.

Stellen sie sich vor, die beiden fahren gemeinsam in den Urlaub: Wenn sie es schaffen, die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu halten, wird es der beste Urlaub ihres Lebens. Wenn nicht, dann sind Konflikte vorprogrammiert. Die beiden Werte Sicherheit und Freiheit hängen voneinander ab. Sie liegen auf den beiden Seiten einer Waage. Mehr Freiheit führt zu weniger Sicherheit, weniger Freiheit führt zu mehr Sicherheit. Tatsächlich ist es oft so, dass in Partnerschaften und Familien erst Wert und Gegenwert in Balance gebracht werden müssen. Dann entfaltet sich das Potential, das in der Balance von Wert und Gegenwert liegt.

Werte_in_Balance

Wenn die Balance zwischen Wert und Gegenwert nicht stimmt, kann es zur Übertreibung eines Wertes kommen. Ein eigentlich positiver Wert wird übersteigert, und verkehrt sich ins Gegenteil. Aus Sicherheit kann Ängstlichkeit, Mutlosigkeit oder Erstarrung werden, wenn der Wert übertrieben wird. Aus Freiheit kann Unverantwortlichkeit, Maßlosigkeit oder Sprunghaftigkeit werden, wenn der Wert übertrieben wird. Das perfekte Maß für einen Wert hängt dabei vom Blickwinkel des Beurteilenden ab. Und: Die eigenen Werte bestimmen auch, ab wann Sie einen Wert als übertrieben bewerten. Daraus ergibt sich ein Quadrat, in das sich vier Werte eintragen lassen: Wert und Gegenwert und die jeweiligen Übertreibungen. Damit erkennen Sie auf einen Blick, welche Werte sich gegenseitig beeinflussen, um in Balance zu kommen.

Das Wertequadrat

Werte_Quadrat-BeispielDas Wertequadrat kann dabei helfen, Entwicklungspotential zu erkennen. Bleiben wir am Beispiel von oben. Robert (für ihn ist der Wert Sicherheit wichtig) merkt, dass seine Ängstlichkeit ihn oft hemmt. Gerade im Urlaub mit Clara kann er deshalb nicht entspannen. Überlegen Sie: Welche Entwicklungsmöglichkeiten bieten sich für Robert an? Diese lassen sich als Pfeil in das Quadrat einzeichnen.

  • Einen Pfeil von Ängstlichkeit in Richtung Verantwortungslosigkeit bedeutet: Robert versucht sich von einer Übertreibung hin zur nächsten zu entwickeln.
  • Einen Pfeil von Ängstlichkeit in Richtung Sicherheit ist eigentlich nicht nötig, denn vom Wert Sicherheit hat Robert ohnehin schon genug.
  • Im Pfeil von Ängstlichkeit Richtung Freiheit liegt das meiste Entwicklungspotential für Robert.

Und Clara? Für sie ist der Wert Freiheit wichtig. Vielleicht heißt ihr Gegenwert Verantwortung. Oder Geborgenheit? Oder Rücksichtnahme? Die Wertequadrate sind nicht universell gültig, jeder Mensch hat seine eigenen Wertequadrate.

Das Werte- und Entwicklungsquadrat geht auf Friedemann Schulz von Thun zurück, der auch das Kommunikationsquadrat entwickelt hat. Er hat es 1989 auf Basis der Überlegungen von Paul Helwig, einem Psychologen und Autor, entwickelt. Schulz von Thuns Modell verwendet für den Begriff Übertreibung den noch stärkeren Begriff Entwertende Übertreibung. Die Übertreibung eines Wertes erleben viele Menschen als Entwertung des Wertes, und erleben Hilflosigkeit. Die Entwertung eines Wertes ist aus meiner Sicht ein zu starkes Wort, mit der Übertreibung eines Wertes ist trotzdem immer die eigentlich positive Absicht des Wertes verbunden, die durch seine Übertreibung nicht entwertet wird. Deshalb verzichte ich auf diesen Begriff.

Mit dem Wertequadrat haben Sie ein Werkzeug in der Hand, um eigenes Verhalten zu verändern. Dazu erstellen Sie für einen der Werte oder für ein unerwünschtes Verhalten, das Sie verändern möchte, ein Wertequadrat. Das regt Sie an, über Alternativen nachzudenken.

Die zentrale Idee am Wertequadrat ist: Jedem unerwünschten Verhalten liegt ein positiver Wert zugrunde. Wenn Sie diesen zugrundeliegenden Wert erkennen, entdecken die positive Absicht, die dahinter steht. Und dann fällt es leichter, zu erkennen, welcher Gegenwert notwendig ist, um wieder in Balance zu kommen und die Übertreibung zu verstehen, die dahinter steht. Werte können also dazu beitragen, positive und negative Eigenschaften zu verstehen und im nächsten Schritt auch zu verändern.

Quelle und weiterführende Literatur

Schulz von Thun, F. (1989). Miteinander reden 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Hamburg: Rowohlt.

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