Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) | ich.raum Glossar

4 Dez , 2015 Glossar

Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) | ich.raum Glossar

Das Eye Movement Desensitization and Reprocessing, kurz EMDR, bedeutet auf Deutsch wörtlich „Augenbewegungs-Desensibilisierung und Wiederaufarbeitung“ und ist eine psychotraumatologische Behandlungsmethode, die bei Trauma-Patienten verwendet wird. Francine Shapiro entwickelte die Methode in den späten 80er Jahren in Kalifornien, 1991 wurde sie in Deutschland eingeführt und hat sich heutzutage so weit etabliert, dass sie auch von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird. EMDR ist eine eher ungewöhnliche Form der Psychotherapie. Nach schweren traumatischen Erlebnissen kommt es manchmal zum Phänomen des „speechless terror“, bei dem die rechte Hirnhälfte Bilder prozessiert, die vom Sprachzentrum nicht ausgedrückt werden können. Die Verarbeitung des Geschehens fällt dem Patienten so ungemein schwerer, da er traumatische Bilder vor Augen hat, sie allerdings nicht ausreichend aufarbeiten kann. Hier setzt EMDR ein. Der Patient konzentriert sich auf bestimmte Anteile der Erinnerung und folgt gleichzeitig den Fingerbewegungen des Therapeuten mit den Augen. Auf physiologischer Ebene wird angenommen, dass die bilaterale, also beidseitige Stimulation eine Synchronisation der Hirnhälften hervorruft. Ähnlich wie der REM-Schlafphase soll diese Stimulation einen Informationsverarbeitungsprozess herbeiführen und damit eine Überwindung des Traumas begünstigen. Viele Patienten empfinden durch verblassende Erinnerungen oder spontane assoziative Verbindungen nach der Therapie rasch ein Gefühl der Entlastung. Wichtig zu erwähnen ist, dass dieser Schritt in der Behandlung erst relativ spät auftaucht.

Vor dem wirklichen EMDR wird der Patient erst psychisch stabilisiert und die ausgewählten Erinnerungen werden genau beschrieben und bewertet. Erst dann finden (meist mehrere) Sitzungen EMDR statt, dem eine Verankerung, ein Körpertest und eine Abschlussbesprechung mit weiterführenden Hinweisen folgen. Manchmal können die Traumata, besonders wenn unerfahrene Therapeuten die Behandlung vornehmen, allerdings auch verstärkt werden, da die erneute Konfrontation mit angsteinflößenden Gefühlen die Patienten möglicherweise überfordert. Anwendung findet diese Therapieform in vielen verschiedenen Behandlungsgebieten, vorwiegend auf dem Gebiet der Psychotraumata, also Krankheiten wie der posttraumatischen Belastungsstörung oder auch der Trauerbewältigung. Doch ebenfalls bei Entwicklungs- und Verhaltensstörungen von Kindern, Despressionen oder chronischen Schmerzen wird EMDR angewendet.

Viele wissenschaftliche Studien und Metaanalysen befassten sich bereits mit der Wirksamkeit von EMDR, meist wurde ein moderater Zusammenhang zwischen der Therapieanwendung und einer Besserung der psychischen Genesung gefunden. Wirkliche Vergleichsstudien zu anderen etablierten Therapieformen gibt es jedoch nur wenige und viele der bereits erhobenen Studien scheinen im Nachhinein methodische Mängel aufzuweisen. Gelegentlich wird EMDR so von Psychotherapeuten auch als Pseudowissenschaft kritisiert. Vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie ist die Methode allerdings zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen anerkannt.

 


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