Das Konzept der Zeitperspektive beschreibt, welche Rolle die Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für menschliches Erleben und Verhalten spielt. Mit Hilfe einer Timeline können Sie die Zeitperspektive des Coachee explorieren und für Veränderung nutzen.

Zeitperspektive als Persönlichkeitsvariable

Das Konzept der Zeitperspektive (Zimbardo & Boyd, 1999) beschreibt die individuell unterschiedliche Wahrnehmung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

  • Vergangenheitsorientierte Menschen orientieren sich an ihren negativen oder positiven Erinnerungen an ähnliche Situationen. Dabei kann der Fokus entweder auf negativen Aspekten der Vergangenheit liegen, z.B. auf Fehlern oder Verlusten, oder auf positiven Aspekten, also auf den guten Erfahrungen der Vergangenheit (Nostalgie).
  • Gegenwartsorientierte Menschen leben ganz in der Gegenwart, es geht darum im Hier und Jetzt zu genießen ohne an die Konsequenzen zu denken. Auch hier ist ein positiver (Hedonismus) und ein negativer Fokus (Fatalismus) zu unterscheiden. Hedonismus bezieht sich auf die Suche nach Genuss, Abenteuer und Abwechslung und das Vermeiden von Unangenehmen und Schmerz. Fatalismus bezieht sich auf das Gefühl, dass ohnehin alles vom Schicksal vorbestimmt ist und das „Leben ist, wie es ist“.
  • Zukunftsorientierte Menschen beziehen die Zukunft in ihr Erleben und Verhalten mit ein. Sie planen und vertrauen darauf, dass sie mit ihren Entscheidungen ihr zukünftiges Leben beeinflussen können. Dabei beziehen Sie Kosten und Nutzen einer Entscheidung mit ein.

Zimbardo und Boyd unterscheiden ursprünglich auch hier einen negativen und einen positiven Fokus auf die Zukunft, sowie ein transzendentalen Fokus auf die Zukunft, der ein besseres Leben nach dem Tod einbezieht. Diese Unterscheidung ließ sich empirisch nicht ausreichend bestätigen.

Die Zeitperspektive einer Person ist dabei zunächst eine Persönlichkeitseigenschaft, also über Situationen hinweg relativ stabil. Sie ist von der Kultur, dem sozialen Umfeld und individuellen Erfahrungen abhängig. Gleichzeitig kann die Zeitperspektive auch von äußeren Faktoren beeinflusst werden oder durch einschneidende traumatischer Erlebnisse verändert werden.

Zimbardo selbst hat mit Boyd einen Fragebogen entwickelt – das Time Perspective Inventory – um zu messen, wie eine Person Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahrnimmt. Der Fragebogen wurde vielfach validiert und weiterentwickelt und ist mittlerweile in viele Sprachen übersetzt. Der Fragebogen ist die Grundlage empirischer Studien, die den Einfluss der Zeitperspektive auf andere psychologische Konzepte untersuchen. Sie können Ihren Coachee einladen, den Fragebogen online durchzuführen um direkt eine Auswertung zu erhalten. (http://www.thetimeparadox.com/zimbardo-time-perspective-inventory/.)

Die Zeitperspektive einer Person hängt mit weiteren Variablen zusammen. So zeigte sich z.B. dass eine Gegenwartsorientierung mit gesundheitsschädlichem Verhalten (z.B. Substanzmissbrauch, Vermeiden von Vorsorgeuntersuchungen) zusammenhängt; eine Vergangenheitsorientierung mit negativem Fokus hängt zusammen mit depressiven Symptomen und Angst; Studierende, die eine Zukunftsorientierung haben, verbringen mehr Zeit mit Lernen und erhalten bessere Noten.

Wann ist welche Zeitperspektive hilfreich?

Auf Basis zahlreicher Untersuchungen lässt sich eine Ausprägung der Zeitperspektiven beschreiben, die mit Blick auf psychische und physische Gesundheit, sowie beruflichen und persönlichen Erfolg ideal ist. Diese balancierte Zeitperspektive bezieht sich auch auf die Fähigkeit, die Zeitperspektive flexibel an die anstehende Aufgabe, die Situation und die persönlichen Ziele anzupassen. Wenn es z.B. darum geht, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, hilft zunächst eine realistische Vergangenheitsorientierung, die auch negative Aspekte ernst nimmt. Wenn dann Strategien für die Zukunft abgeleitet werden sollen, muss die Vergangenheitsorientierung einer Zukunftsorientierung weichen. Geht es darum, konzentriert und fokussiert zu arbeiten oder sich zu erholen und zu entspannen, kann eine zu starke Zukunftsorientierung hinderlich sein.

Zeitperspektive als Strategie

Die Zeitperspektive eines Menschen ist zunächst relativ stabil. Menschen nehmen

je nach Ausprägung der Zeitperspektive Ereignisse im eigenen Leben unterschiedlich wahr. Der Fokus auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheidet sich. Zimbardo und Boyd gehen aber davon aus, dass die Zeitperspektive verändert werden kann (vgl. ich.raum Persönlichkeitsmodell). Diese balancierte Zeitperspektive nimmt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer „gesunden“ Weise wahr. Das bedeutet:

  • Die Vergangenheit wird hauptsächlich positiv wahrgenommen, daraus lassen sich Ideen für die Zukunft ableiten. Im ich.raum Coaching-Modell habe ich diesen Aspekt stärkende Beliefs genannt. Sie basieren auf unseren positiven Erfahrungen mit der Welt, Überzeugenden über unsere eigene Person, Rollen und Fähigkeiten. Hinderliche Beliefs nehmen nur einen geringen Stellenwert ein.
  • Die Gegenwart wird mit einem angemessenen (nicht zu starken) hedonistischen Fokus wahrgenommen, Genuss, das Leben im Jetzt, sowie Erholung haben ihren Platz. Der fatalistische Fokus auf die Gegenwart ist gering ausgeprägt.
  • Die Zukunft wird positiv – aber realistisch – wahrgenommen.

Die Arbeit an einer balancierte Zeitperspektive wird auch als eine Methode zur therapeutischen Intervention, z.B. bei traumatischen Erlebnissen eingesetzt. Im Coaching können Sie das Konzept der Zeitperspektiven als Grundlage für die Reflexion einsetzen und Ideen für Veränderung ableiten.

Coaching-Übung: Ihre Zeitperspektive

Sie sind zu zweit. Tauschen Sie sich über folgende Fragen aus:

  • Welche Zeitperspektive fällt Ihnen am leichtesten? Welche Konsequenzen hat das?
  • Achten Sie darauf, welche Zeitperspektive Sie bei einer bestimmten Entscheidung einnehmen. Ist sie hilfreich oder nicht? Was ergibt sich, wenn Sie die Perspektive wechseln?
  • Unterscheidet sich die Zeitperspektive Ihres Kommunikationspartners von Ihrer eigenen Zeitperspektive? Welche Schwierigkeiten ergeben sich daraus?
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